2005/03/15

Interview: Prof. Tanja A. Börzel

Wer kommt da eigentlich auf dem Lehrstuhl für Europäische Integration auf uns zu? Das haben sicher nicht nur wir uns gefragt. Unsere Fragen haben wir deshalb einfach Frau Prof. Börzel gestellt - wie hier mitsamt ihrer Antworten nachzulesen ist.

Prof. Dr. Tanja A. Börzel
osiwelt: Sie kommen von der Uni Heidelberg an das Otto-Suhr-Institut, was erwarten und erhoffen Sie sich vom Wechsel an die Spree?

Prof. Dr. Tanja A. Börzel: Sowohl das IPW der Uni Heidelberg als auch das OSI gehören zu den führenden Instituten in der deutschen Politikwissenschaft. Ich hoffe also, dass an der Spree die Studis genauso hervorragend sind, wie am Neckar.
Gleichzeitig wechsele ich von einem relativ kleinen an das größte politikwissenschaftliche Institut der Republik. In Heidelberg waren wir nur zu viert - eigentlich nur zu dritt, nachdem Wolfang Merkel ans WZB gegangen ist, seine Nachfolge wird erst in nächster Zeit besetzt. Bei fast 2.000 Studierenden muss jede und jeder Prof. so ziemlich alles machen. Ich freue mich darauf, mich am OSI in der Lehre wieder schwerpunktmäßig der Europaforschung widmen zu können.
Mit der Übernahme der Arbeitsstelle Europäische Integration bieten sich mir auch neue Gestaltungsmöglichkeiten. Ich werde unter anderem ein interdisziplinäres Zentrum für Europaforschung aufbauen und einen zweijährigen, forschungsorientierten Master Europäische Studien einrichten.
Schließlich bietet Berlin eine weitaus größere Nähe zur (Europa-)Politik, die es so in Heidelberg natürlich nicht gab.

Tritt der Master Europäische Studien in Konkurrenz zum bereits existenten Master IB? Wird er ein concoursvorbereitender Studiengang?

Der MA Europäische Studien ist in keiner Weise eine Konkurrenz zum MA IB. Europäische Studien haben sich mittlerweile als eigenständige Teildisziplin der Politikwissenschaft etabliert, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie sich aus den anderen Teildisziplinen speist. Dazu gehören nicht nur die IB, sondern vor allem auch die Vergleichende Regierungslehre West- und Osteuropa sowie die Politikfeldanalyse. Schließlich bringt sie auch benachtbarte Disziplinen wie die Rechts-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften mit ein. Diese Interdisziplinarität wird sich auch in dem geplanten MA Europäische Studien niederschlagen, wobei der Schwerpunkt auf der Integrationsforschung und der Vergleichenden Regierunglehre - mit der Möglichkeit, sich im zweiten Jahr zu spezialisieren - liegen soll.

Der MA wird sicherlich wichtige Kenntnisse für den Concours vermitteln. Er ist aber vor allem forschungsorientiert und soll, wie auch der MA IB, die Möglichkeit einer Promotion z.B. im Rahmen der geplanten Dahlem Graduate School bieten. Der Aufbaustudiengang Europawissenschaften der drei Berliner Universitäten bietet sicherlich eine gezieltere Vorbereitung auf den Concours.

Im Vorfeld Ihrer Berufung hat die Gerüchteküche am OSI kräftig rumort, was nicht zuletzt an Ihrer Partnerschaft mit dem bei Studierenden nicht unumstrittenen Dekan Prof. Risse liegt. Wie gehen Sie damit um?

Thomas Risse und ich haben bisher stets Berufliches und Privates erfolgreich getrennt, und wir werden das auch in Zukunft so halten.

Wie würde für Sie das ideale Politikwissenschaftsstudium aussehen? Und welchen Stellenwert haben der Bachelor und der Master IB für Sie?

Grundsätzlich erhoffe ich mir von der Einführung der gestuften Studiengänge eine Verkürzung der Studienzeiten und eine breitere und praxisnähere Ausbildung durch den Bachelor, während die zweijährigen Masterstudiengänge wie der MA IB eine inhaltliche Spezialisierung und stärkere Forschungsorientierung erlauben. Einen MA Politikwissenschaft halte ich deshalb kaum für sinnvoll, zumal es das bewährte OSI Diplom gibt.

Nun leidet das Otto-Suhr-Institut unter dem enormen Verlust an Professorenstellen - wie Sie an hoffnungslos überfüllten Seminaren bald selbst feststellen werden. Damit einher geht auch ein Verlust an Vielfalt in Forschung und Lehre. Wie würden Sie sich diesbezüglich selbst charakterisieren?

Für jemand, die wie ich von einem politikwissenschaftlichen Institut der deutschen Durchschnittgröße von 4-5 ProfessorInnen kommt - und an dem ich Vorlesungen mit bis über 700 Studierenden abhalten musste - ist die Vielfalt des OSI immer noch äußerst eindrucksvoll. Das Vorlesungsverzeichnis des OSI ist so dick wie das Vorlesungsverzeichnis der Uni Heidelberg, die Medizin nicht mitgerechnet. Durch meine Zeit in Heidelberg und auch durch die Interdisziplinarität meiner Teildisziplin ist mein Lehrrepertoire relativ breit - es reicht von der Policy Analyse über die vergleichende Regierungslehre und die IB bis hin zur Politischen Theorie. Ähnliches gilt auch für meine Forschung - ich habe Verwaltungswissenschaften mit Schwerpunkt IB studiert und bin durch meine Promotion bei Adrienne Heritier in die Policy Analyse und die Vergleichende Regierungslehre eingeführt worden - nicht ganz freiwillig, wie ich gestehen muss. Das spiegelt sich auch in meinen Publikationen wieder. Es ist kein Zufall, dass ich in den Europawissenschaften gelandet bin, wo meine Interdisziplinarität - bezogen auf die Teildisziplinen der Politikwissenschaft - ein großer Vorteil ist. Ich werde auch in Zukunft die verschiedenen Bereiche in meiner Lehre und Forschung zusammenführen, wobei die Politische Theorie wahrscheinlich keine so prominente Rolle mehr spielen wird - hier sind meine Kenntnisse nachwievor begrenzt. :)

Sie haben im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester ein Proseminar zur Qualitativen und ein Hauptseminar zur Quantitativen Europaforschung angeboten - geht diese Unterteilung auf Sie selbst zurück?

Eine gründliche Methodenausbildung gehört zu jedem Politikwissenschaftlichen Studium. Leider kommt das häufig immer noch zu kurz bzw. wird in andere Fachbereiche ausgelagert. Ich biete deshalb regelmäßig Methodenseminare an, wobei ich mich besser im Bereich der qualitativen Methoden auskenne, obwohl ich auch quantitativ arbeite und dezidiert der Meinung bin, dass PolitikwissenschaftlerInnen sich in beiden Bereichen auskennen sollten. Der Experte hierfür in meinem Team ist Tobias Hofmann. Gemeinsam ist beiden Seminaren, dass sie mit einer gründlichen Einführung in Fragen des Forschungsdesigns beginnen. Normalerweise bieten mein Team und ich quantitative und qualitative alternierend im Grundstudium an.
Nun wurde ich von den LehrplannkoordinatorInnen des OSI gebeten, die quantitativen Methoden im Hauptstudium anzubieten, in Ergänzung zu dem Seminar von Liese/Ulbert, die die qualitativen Methoden abdecken.

In Heidelberg haben Sie einige Evaluationsergebnisse zu Ihren Seminaren online verfügbar gemacht. Dort wird, nicht ganz bierernst, unter anderem Ihre 'Laufbereitschaft' hervorgehoben. Was erwartet uns hier in Berlin? Ist Marathonfähigkeit Mindestvoraussetzung für alle, die bei Ihnen ihr Diplom ablegen wollen?

Ausdauer ist sicherlich eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Studienabschluss. Ich bin allerdings eher eine Mittelstreckenläuferin und darauf bedacht, dass meine Studierenden innerhalb der Regelstudienzeit ihren Abschluss machen. Das gilt übrigens auch für meine DoktorandInnen. Was meine Laufbereitschaft betrifft, so bezieht sich das wohl darauf, dass ich während meiner Einführungsvorlesung nicht vorne am Pult geblieben, sondern bestetig durch das Audimax getiegert bin, was nicht nur an meinem Bewegungsdrang liegt, sondern daran, dass das Audimax rund 1.000 Leute fast und auch die Studis in der letzten Reihe eine Chance haben sollen, Ihre Prof. von Nahem zu sehen beziehungsweise sich in die Diskussion einzubringen - was ohne Mikrofon schlechterdings unmöglich ist.


Die Osiwelt versucht in loser Interviewreihe Lehrtätige am OSI vorzustellen.

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