2005/06/06

Interview mit Prof. Bernd Ladwig

Bernd Ladwig ist seit Beginn des Sommersemesters auf der Juniorprofessur für Moderne Politische Theorie. Wir haben uns mit ihm über sein Themenfeld, Radfahren und das neue OSI unterhalten.


Sie haben selbst am OSI studiert, sind in Oberbayern zur Schule gegangen und gebürtig sind Sie ein waschechter "Kölscher Jung". Nach Promotion in Berlin und Arbeit in Magdeburg sind Sie seit dem Winter am OSI als Juniorprofessor für Moderne Politische Theorie zuständig. Was hat Sie zu diesem Bereich der Politikwissenschaft gebracht?

Meine Interessen an Philosophie und Gesellschaftstheorien reichen recht weit zurück. Mich hat das Philosophieren fasziniert, seitdem ich zum ersten Mal damit in Berührung gekommen bin: mit etwa 17 Jahren. Ich habe dann mit ganz unzulänglichen Mitteln, ohne Kenntnis der relevanten Literatur, etwa über Freiheit und Determinismus nachgedacht. Das war gewiss diletettantisch, aber: Entscheidend war im Rückblick betrachtet allein, dass ich mir eigene Gedanken gemacht und intellektuelles Selbstvertrauen gewonnen habe.
Das philosophische Interesse ist dann seit 1984 durch mein Engagement in der lokalen Friedensbewegung überlagert worden. Für die Politikwissenschaft habe ich mich entschieden, weil ich meine politischen Aktivitäten reflektiert und profesionell in der Friedensforschung fortsetzen wollte. Bereits das erste Seminar am OSI, zu Demokratietheorien - bei Klaus Roth - hat dann aber meine alte Liebe zur Philosophie neu entflammt. Hinzu kamen gesellschaftstheoretische Interessen. Ich war an der Begründung eines undogmatischen Marxismus interessiert. Philosophisch ging es mir um eine Überwindung des normativen Begründungsdefizits, das Marx hinterlassen und das der orthodoxe Marxismus, bis hin zu Althusser - ein französischer strukturalistischer Marxist - geerbt hat. Hier bin ich den Spuren des westlichen Marxismus - Lukacs, Bloch, Adorno/Horkeimer, Marcuse, Habermas... - gefolgt. In der habermasschen Theorie liefen die Stränge einer Gesellschaftstheorie und einer normativen Philosophie zusammen, und das hat mich zu einem Links-Habermasianer gemacht.
Von daher lag es dann nahe, zu Axel Honneth, einem Habermas-Schüler zu gehen, als dieser den Lehrstuhl für politische Philosophie am OSI übernahm. In seinem Colloquium habe ich erstmals mit "richtigen Philosophen" - ich war Autodidakt - zu tun bekommen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit deren anderer Diskussionskultur - die verstehende Arbeit am Text spielte eine deutlich größere Rolle als in den üblichen Theorie-Seminaren am Osi, und die Referenzautoren waren andere, außerdem war ein bildungsbürgerlicher Habitus bemerkbar - habe ich dann eine sehr philosophische Diplomarbeit über Identitätstheorien und eine ebenso philosophische Dissertation über Gerechtigkeitstheorien geschrieben.
Meine Interessen waren immer eher systematischer als ideengeschichtlicher Art. Und die für mich wichtigsten Autoren - außer den schon Genannten etwa die amerikanischen Gerechtigkeits- und Rechtsphilosophen John Rawls und Ronald Dworkin, die Neo-Pragmatisten Hilary Putnam und Richard Rorty, die deutschen Philosophen Ernst Tugendhat und Martin Seel sowie Sozialtheretiker wie Bourdieu, Luhmann und Claus Offe - fallen alle in den Bereich moderner, zeitgenössischer Theorien. Und hier bin ich also.

Gibt es politische Theoretiker oder Strömungen, zu denen Sie selbst bislang überhaupt keinen Zugang finden konnten?

Ich gestehe, dass ich bis jetzt zu einigen postmodernistischen Theorien keinen Zugang gefunden habe. Das gilt für Baudrillard, aber auch für Derrida. Bei ersterem beschleicht mich der Eindruck des Unseriösen, des Übertreibens um der Übertreibung - bzw. um des medialen Effekts - willen. In die gleiche Kategorie fällt für mich das hochgelobte Buch "Homo Sacer" von Giorgio Agamben. Bei Derrida habe ich den Eindruck, dass der Aufwand, den es erforderte, seine Texte zu verstehen, in keinem vernünftigen Verhältnis steht zu den Einsichten, die sie vermitteln mögen. Ich bin kein Freund der bewussten Verrätselung und des absichtsvoll unargumentativen Darstellens von Theorien. Schließlich hat sich mir auch der theoretische Mehrwert der normativ-ontologischen Theorien von Leo Strauss und Eric Voegelin noch nicht erschlossen.

"Denken ohne Leitplanken"

Politische Theorie ist für viele Studierende ein eher ungeliebter Bereich, welche Möglichkeiten sehen Sie, der Theorie das Stigma der Langweiligkeit zu nehmen?

Ist Theorie wirklich so unbeliebt? Ich habe eigentlich gar nicht den Eindruck. Jedoch leuchtet mir ein, dass eine ansprechende und nachvollziehbare Präsentation in der eher schwer zugänglichen Theorie besonders wichtig ist. Die Politikwissenschaft ist schließlich heute in erster Linie eine empirische Sozialwissenschaft, und sie zieht viele Studierende an, die wohl eher praktische als theoretische Ambitionen haben. Aber ich glaube, dass auch und gerade in der empirischen Forschung so viele Grundlagenfragen neu beantwortet werden müssen, dass, wer sich ernsthaft auf sie einlässt, fast von allein zur Theorie gelangt. Nur als Stichworte: Welche Rolle spielt heute noch der Nationalstaat? Ist Souveränität noch sein kennzeichnendes Merkmal? Leben wir bereits in einem nach-demokratischen Zeitalter? Was vermögen politische Akteure noch gegen die entfesselten Gewalten der Wirtschaftswelt? Was sind Menschenrechte, und was könnte es heute heißen, Gerechtigkeit zu verwirklichen? Bedrohen die neueren Entwicklungen in den "Lebenswissenschaften" unser Menschenbild, auf das wir uns auch politisch bislang verlassen zu können glaubten? Was heißt es überhaupt, etwas als politisches Problem wahrzunehmen? Wer befindet darüber nach welchen Kriterien?
Das Schöne an Theorie ist, dass sie Raum gibt für Phantasie, für gedankliche Kreativität und für ein Denken "ohne Leitplanken". Anders als in der empirischen Forschung muss man als "reiner Theoretiker" weder "ins Feld" gehen noch Daten erheben und Interviews auswerten. Was man allerdings tun muss, steht bei Lenin: "lesen, lesen, lesen".
Ich kann mir vorstellen, dass manche von der Theorie durch den gestelzten Jargon einiger ihrer VertreterInnen abgeschreckt werden. Hier will ich durch begriffliche und argumentative Klarheit dem Verständnis nachhelfen, wo immer es meines Erachtens etwas zu entdecken gibt - nicht jeder Autor, der schlecht schreibt, hat darum nichts zu sagen. Mir kommt es auf gute Gründe an, nicht auf Bekenntnisse und große Namen. Insofern fühle ich mich der analytischen Philosohpie verbunden, die auf diskursive Tugenden immer großen Wert gelegt hat. Einem "Uni-Bluff" (Wolf Wagner) will ich keinen Raum lassen. Im Idealfall hält keiner eine Frage zurück aus Angst, sich zu blamieren, oder ein Argument aus Angst, etwas Unkorrektes oder Unfertiges zu sagen.


Sie haben, wie eingangs erwähnt, selbst am OSI studiert. Wie fühlt es sich an, jetzt auf der anderen Seite zu stehen? Haben sich die Studierenden gegenüber Ihrer eigenen Zeit verändert?

Ich stehe nicht erst jetzt auf der anderen Seite. Schon in den letzten drei Studienjahren habe ich als Tutor zur Vorlesung "Einführung in die Politikwissenschaft" Lehrerfahrungen gesammelt, später auch zwei Lehraufträge am OSI wahrgenommen. Das hat mir immer großen Spaß gemacht, da ich intelligente und motivierte Studentinnen und Studenten antraf und das Gefühl hatte, mit meinen Themen und meiner Art "anzukommen". So geht es mir jetzt wieder, was mich freut. Eine Veränderung sehe ich darin, dass eine größere Pragmatik eingekehrt ist. Alles in allem scheinen mir die Studis weniger anstrengend zu sein, als wir es teilweise waren. Die mir noch vertrauten Psychokriege und Grundsatzkonflikte - über Themen- und Autorenwahl, gemischt- oder getrenntgeschlechtliche Diskussionen - habe ich am "neuen Osi" noch nicht erlebt. Die ideologische Voreingenommenheit scheint geringer zu sein, die Offenheit größer. Das Gefühl, es gehe bei jeder Kleinigkeit "eigentlich" ums Ganze, die daraus erwachsende Verkrampftheit, Humorlosigkeit und auch Intoleranz, bemerke ich nicht - und ich vermisse sie auch nicht. Andererseits: Ein wenig mehr Vorkenntnisse, ein wenig mehr Leidenschaft, mehr Fragen zu Inhalten und weniger zu den leidigen Einschreibelisten - das fände ich, glaube ich, ganz schön.

"Wahrscheinlich lässt das 'neue OSI' für 'Typen' wie Agnoli keinen Raum mehr"

Nun haben sich also die Studierenden der Pragmatik, dem berühmt-berüchtigten 'Scheinstudium' zugewandt. Lassen sich ihre heutigen Dozentenkollegen nocht mit ihren eigenen damaligen OSI-Dozenten vergleichen?

Einige Dozenten, bei denen ich noch studieren durfte, sind ja weiterhin am Institut. Auch war das OSI Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre bereits ein recht pluralistisches Institut (mit einer gewissen sozialdemokratischen Schlagseite), so dass hier alle möglichen Dozententypen, von Johannes Agnoli über Helga Haftendorn bis Helmut Wagner, anzutreffen waren. Wahrscheinlich lässt das "neue OSI" für "Typen" wie Agnoli und auch Wolf-Dieter Narr oder Ekkehart Krippendorff keinen Raum mehr. Ein Klausurenseminar bei Agnoli - undenkbar! Sicher geht dem Osi damit etwas verloren. Für mich verkörperten diese Professoren linke Geschichte. Allerdings hatte ich immer Probleme mit ihrer Einstellung den akademischen Routinen und Pflichtaufgaben gegenüber. Eine brauchbare Betreuung und Beurteilung erfuhr man als Student/Studentin bei diesen Profs nicht. Sie vermittelten Haltungen und gaben Raum für sehr freie Diskussionen. Der Ausbildungsfunktion des OSI standen sie immer fremd gegenüber. An dieser Funktion ist aber vielen Studis, und das legitimerweise, vor allem gelegen. Also, Sie sehen, ich beurteile die neue Entwicklung auf Dozentenseite ambivalent. Unnötig zu sagen, dass ich Ihnen das Beste aus beiden Welten, der des alten und der des neuen OSI, mitgeben will...

"Machen Sie einfach, was Ihnen Spaß macht"


Sie wurden schon häufiger sportlich am OSI gesehen - ist das Fahrrad ein guter Ort, über politische Theorie nachzudenken? Sollten OSI-Studierende also mehr Radfahren?

Ich kann tatsächlch beim Radfahren gut denken, jedenfalls, solange ich nicht an meine physischen Grenzen gehe. Aber das muss jeder selbst ausprobieren. Machen Sie einfach, was Ihnen Spaß macht. Aber wenn Sie sich fürs Radfahren entscheiden, bedenken sie: man kann dabei schlecht lesen und noch schlechter schreiben.

Herzlichen Dank für das überaus interessante und aufschlussreiche Interview. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg am OSI. (ää)

1 Comments:

At Montag, 06 Juni, 2005, Anonymous Logodaedalus said...

"Machen Sie einfach, was Ihnen Spaß macht"?
Da ich kann ich Wein empfehlen: man nimmt bei ausreichend großem Konsum ab, kann lesen und schreiben, versteht auch nicht mehr als ohne Wein, aber anders!
Zeugnis dessen sei dieser Kommentar.

 

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