2006/05/05

Bibliotheksumzug

Im OSI ist es schon seit einiger Zeit zu beobachten: Unsere Bibliotheken spielen Reise nach Jerusalem. Die Soziologie zieht ins OEI, die Zeitschriften finden sich bald neben der OSI-Bib und die Mikrofilme werden nach Lankwitz verbannt. Der Alphabetische Katalog steigt ab ins Souterrain (war da jemand schon mal?) und der Systematische Katalog wird aufgelöst.

So weit die hier in schönem Design nachlesbare Empirie. Aber wie lassen sich diese gravierenden Veränderungen erklären? Es drängen sich verschiedene Ansätze auf:

1) Steuerungstheorie
Der Fachbereich ist auf der Basis umfangreicher Meinungsforschung zu der Erkenntnis gelangt, daß die alten Örtlichkeiten der Soziologie/Zeitschriften-Bibliothek intensive studentische Forschung strukturell behindern. Wer kennt ihn nicht, den Ersti, der mit folgender Frage an einen herantritt: "Wo sind eigentlich die Zeitschriften, im OSI oder in dem häßlichen Plattenbau nebenan?" Die Antwort muß dann lauten: "Irgendwo dazwischen." Genauso gut könnte man jemanden ins 7 1/2. Stockwerk schicken.
Klar ersichtlich schafft diese Situation einen negativen Anreiz zur Verwendung aktueller Zeitschriftenliteratur. In Zeiten genereller Exzellenz hat der Staat hier Handlungsbedarf erkannt und versucht, die Transaktionskosten der Bürger durch systematische Raumplanung zu senken.

2) Internationale Politische Ökonomie
Im Zuge der Globalisierung geraten auch Bibliotheken unter zunehmenden Wettbewerbsdruck. Immer mehr Billiganbieter drängen auf den Markt, der Bibliotheksmarkt entgrenzt sich fortlaufend und die digitale Konkurrenz schreitet voran. Traditionelle Anbieter stehen diesen Entwicklungen relativ hilflos gegenüber: Da sie ein öffentliches Gut bereitstellen, dessen Finanzierung durch marktunempfindliche Verwaltungsmechanismen gesteuert wird, verbleibt für den Preiskampf nur die Ausgabenseite.
Eine Möglichkeit besteht hier in der radikalen Reduktion der zeitlichen Verfügbarkeit des Gutes. Darüber hinaus gerät die räumliche Angebotsstruktur in den Blick: Produktionsstätten werden ins osteuropäische Ausland verlagert, und man strebt Skaleneffekte durch Konzentrationsprozesse an.

3) Policy-Analyse
Seit kürzerer Zeit beherbergt das OSI ein neues, ressourcenintensives Projekt. Weil dieses Projekt ganz doll exzellent ist, wurden dafür auch ganz doll viele Leute eingestellt.
(ups, falscher link. kann ja mal passieren... also nochmal.)
Durch diese völlig unvorhersehbare Einstellungswelle entstand ein misfit zwischen benötigten und vorhandenen Raumkapazitäten. Aus funktionalistischer Sicht könnte man argumentieren, daß dieser misfit zur Angleichung der vorhandenen an die benötigten Kapazitäten geführt hat. Wie wir aber wissen, reicht dieser einfache Tatbestand nicht zur Erklärung komplexer Veränderungen aus. Vielmehr dürfte er durch Verhandlungssysteme vermittelt worden sein. Die Ergebnisse solcher Prozesse hängen entscheidend von Ressourcen wie der Finanzkraft der Akteure sowie der Besetzung von Entscheidungspositionen ab.



Leider konnten hier aus Zeitgründen nicht alle relevanten Ansätze aufgeführt werden, die zur Erklärung des Bibliotheksumzuges beitragen könnten. Vor allem wäre ich daher für weitere Beiträge aus den Bereichen Kritische Theorie, Gender Studies, Vergangenheitsbewältigung und Neo-Postdistanziationalismus dankbar. Ich beabsichtige, die Beiträge bis Ende des Jahres in einem Sammelband zu veröffentlichen. InteressentInnen können sich über die Kommentarfunktion melden.

5 Comments:

At Freitag, 05 Mai, 2006, Anonymous Anonym said...

Warum kürzt dit Anita sich eigentlich immer A. ab?

 
At Samstag, 06 Mai, 2006, Blogger mandytaft41274437 said...

Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

 
At Sonntag, 07 Mai, 2006, Blogger Niklas said...

|| Wer kennt ihn nicht, den Ersti, der mit
|| folgender Frage an einen herantritt: "Wo
|| sind eigentlich die Zeitschriften, im OSI
|| oder in dem häßlichen Plattenbau nebenan?"
|| Die Antwort muß dann lauten: "Irgendwo
|| dazwischen." Genauso gut könnte man
|| jemanden ins 7 1/2. Stockwerk schicken.

Viel interessanter: Wo lag eigentlich der alte Standort der "Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients"? Ende April ist sie in die Ihne22 umgezogen, davor residierte sie aber auch an einem mystischen Ort irgendwo in den Zwischenwänden. Angeblich gab es einen versteckten Zugang über besagten Zeitschriftenstandort. Nur Eingeweihte wussten wie man dorthin gelangt.

 
At Donnerstag, 01 Juni, 2006, Anonymous clafre said...

Sehr schöne Interpretation des Biblio-Umzugs, muss ich schon sagen!(;

Jetzt aber mal im Ernst: glaubt wirklich irgend jemand das der ganze Umzug im Sinne der Studenten passiert ist, um die "Transaktionskosten" zu senken?

Nun ja, ob der Erstie oder Zweiti oder Neunti nun weiß, wo der Zeitschriftenlesesaal ist, ist nicht primär. Denn nur derjenige, der herausgefunden hat, wie man systematisch Fachzeitschriftenartikel in der Datenbank sucht und findet, wäre ohnehin auf den "versteckten" Ort gestoßen.

Darüber hinaus wird wegen einer handvoll "Exzellenzen" eine besondere Spezies von Studenten vom Osi vertrieben. Es werden systematisch die letzten ruhigen Nischen in einer Massenuniversität vernichtet und der "literaturnachschnüffelnde" Student aus seinem Biotop geworfen. Vorbei die Zeit, als man fast allein in die Tiefen der Fachzeitschriften abtauchen konnte. Nun muss man sich den Lebensraum mit den nervenden Internetsurfern (=Emailschreibern) und einfältigen OPAC-Recherchisten teilen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Fehlentscheidung auch schnell als solche verstanden wird und das Exzellenz-Projekt so schnell wie möglich scheitert. Denn anstatt Biotope zu zerstören, hätte es auch eine kleine Villa in der Gegend für Risse & Co getan.

 
At Donnerstag, 15 Juni, 2006, Anonymous clafre said...

Noch ein kurzer Nachtrag zum Biblio-Umzug:

Als ich gestern für mein Referat unbedingt Bundestagsdebatten einsehen wollte und ich des öfteren im alten Zeitschriftenlesesaal fündig geworden bin, da die kompletten Jahrgänge seit 1950 stenographischer Berichte UND Drucksachen vorhanden waren, ging ich in den "neuen" Lesesaal und alles war weg. Okay, könnte man sagen, die wurden nur woanders eingelagert: Pustekuchen. Die schwarz gekleidete Bibliotheksmitarbeiterin sagte mir daraufhin in forschem Ton: "Stenographische Berichte vom Bundestag? Ach die, die haben wir nicht mitgenommen, weil wir die größtenteils weggeworfen haben. Die haben eh nur Arbeit gemacht und zuviel Platz weggenommen." Ferner: "Wenn Sie die brauchen, gehen Sie doch direkt zum Bundestag. Die haben eine schöne Bibliothek, sollte man mal gesehen haben."

Eine politikwissenschaftliche Institutsbibliothek ohne Debatten von seiner höchsten Volksvertretung? Gibts nicht? Gibt es!Am OSI!

Jetzt könnten Schlaumeier auf die Idee kommen: die gibt es doch online! Ja, aber erst ab 1996 digitalisiert. Und FU-weit nur bruchstückhaft. Danach war ich in der UB, um nach dem 1991er Jahrgang zu fragen. Die Jahrgänge wären zwar verzeichnet, aber im Moment nicht auffindbar - so die Mitarbeiterin.

Ich verstehe grundsätzlich, dass aus Kapazitätsgründen der Präsenzbestand nicht unendlich ausgeweitet werden kann. Zumindest sollte man einen Zugang über ein Außenmagazin, o.ä. dazu haben. Wenn man schon nicht an die Volkskammerprotokolle 1989/1990 herankommt, dann wenigstens an die des Deutschen Bundestages von 1986-1996 (die späteren Jahrgänge gibt es tatsächlich online).

 

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